Das erste Fotobuch überhaupt wurde von einer Frau geschaffen. Ein wunderbarer Satz, oder? Es dauerte zwar einige Jahre, genauer gesagt über 100, bis sie die Anerkennung erhielt, die sie verdient. Heute gilt Anna Atkins jedoch weithin als Schöpferin des weltweit ersten fotografisch illustrierten Buches.
Verlag
Anna Atkins
Ursprung
Oktober 1843, Halstead Place, Sevenoaks, England
Preis
Unbezahlbar
Anna Atkins wuchs als Tochter eines Chemikers, Mineralogen und Zoologen auf. Für eine Frau ihrer Zeit erhielt sie eine ungewöhnlich umfassende wissenschaftliche Ausbildung. Schon früh war sie aktiv in die Forschung ihres Vaters eingebunden, illustrierte seine Publikationen und beschäftigte sich direkt mit den Naturwissenschaften. Diese Grundlage, die für Frauen ihrer Generation selten war, prägte sowohl ihre intellektuelle Genauigkeit als auch ihr visuelles Feingefühl.
Im Oktober 1843 stellte Atkins Photographs of British Algae: Cyanotype Impressions fertig. Das Werk war als visuelle Ergänzung zu William Henry Harveys Manual of British Algae von 1841 gedacht. Um die darin beschriebenen Algenproben zu dokumentieren, nutzte sie das Cyanotypie-Verfahren, das von ihrem Freund und Nachbarn Sir John Herschel entwickelt worden war. Bei dieser Technik wird Papier mit einer lichtempfindlichen chemischen Lösung behandelt. Anschließend werden die Pflanzen direkt auf die Oberfläche gelegt und dem Sonnenlicht ausgesetzt. So entsteht eine weiße Silhouette auf einem tief preußischblauen Hintergrund. Atkins entschied sich bewusst für dieses Verfahren, weil sie, wie sie selbst schrieb, „Abdrücke der Pflanzen selbst“ erhalten wollte. So konnte sie feinste Details festhalten, die sich mit der Hand kaum exakt zeichnen ließen.
Das Ergebnis war nicht nur ein wissenschaftliches Dokument, sondern auch eine beeindruckende handwerkliche Leistung. Atkins fertigte im Laufe des Projekts Tausende einzelne Handabzüge an. Allein der erste Band umfasst zwölf selbst veröffentlichten Einzelheften. Wie Lederman in What They Saw: Historical Photobooks by Women, 1843–1999 festhält, zeigt das Werk eine bemerkenswerte ästhetische Intelligenz. Das gilt für die Anordnung und Komposition jeder einzelnen Tafel ebenso wie für die Titel, die Atkins direkt in Cyanotypie umsetzte, statt sie konventionell zu drucken. In diesem Sinne ist das Buch ganz aus seinem Medium heraus gedacht: ein frühes und hoch entwickeltes Beispiel dafür, wie Design Thinking auf fotografisches Publizieren angewendet wurde.
Anders als konventionelle botanische Illustrationen, die häufig eine idealisierte Darstellung aus mehreren Pflanzenproben zeigten, glättete die Cyanotypie nichts. Traditionelle Darstellungen wählten oft nur die repräsentativsten Merkmale aus und ließen Unregelmäßigkeiten verschwinden. Die Cyanotypie dagegen hielt eine einzelne Pflanze zu einem konkreten Zeitpunkt fest, genau so, wie sie war. Gerissene Blätter, verschlungene Wurzeln, natürliche Unregelmäßigkeiten einer individuellen Probe: All das blieb im Druck erhalten. Statt eines idealisierten Porträts entstand ein exakter Abdruck, eine Spur von etwas Realem.
Als Henry Fox Talbot seine Publikation The Pencil of Nature von 1844 als erstes Buch mit fotografischen Abzügen bezeichnete, lag er falsch. Atkins war ihm mindestens ein Jahr voraus. Diese Unterscheidung ist nicht nur eine Frage der Reihenfolge. Talbots Buch wurde kommerziell hergestellt und weit distribuiert, während Atkins’ Werk vollständig selbst gefertigt und selbst veröffentlicht wurde. Genau das stand ihrer Anerkennung zunächst im Weg: ein privat zirkulierendes Objekt ohne institutionelle Unterstützung. Heute ist gerade diese Selbstveröffentlichung ein Teil dessen, was das Werk so bemerkenswert macht. Wie Lederman argumentiert, wird sie inzwischen nicht mehr als Einschränkung verstanden, sondern als Zeichen von Unabhängigkeit und Meisterhaftigkeit. Atkins’ Cyanotypien befinden sich heute in den Sammlungen des MoMA, der New York Public Library und des Getty. Sie werden sowohl für ihre wissenschaftliche Präzision als auch für ihre anhaltende visuelle Kraft geschätzt.
Eine moderne Ausgabe des Buches ist bei Taschen erhältlich.
Quellen
Franchi, Sophia. “Crafting and Collecting Cyanotypes: Anna Atkins’s Photographs of British Algae: Cyanotype Impressions.” Literature compass 21.1–3 (2024).
Hirschey, Paige. “Rhapsodies in Blue: Anna Atkins’ Cyanotypes.” The Public Domain Review, 6 Dec. 2023, publicdomainreview.org/essay/anna-atkins-cyanotypes/.
Isenogle, Melanie R. Anna Atkins: Catalyst of Modern Photography Through The First Photobook (2019).
Lederman, et al. What They Saw : Historical Photobooks by Women, 1843-1999. 10×10 Photobooks. New York City, 2021.
Alle Bilder:
Spencer Collection, The New York Public Library. The New York Public Library Digital Collections.