„Yard Work“ von Carolyn Drake: Skulpturen in der Hauptrolle – Wenn das Häusliche menschlich wird

In Carolyn Drakes „Yard Work“ spielen Skulpturen aus Gartenpflanzen und Alltagsresten die Hauptrolle. Aus einem morgendlichen Ritual wird ein ebenso komisches wie persönliches Lockdown-Tagebuch, in dem das Häusliche menschliche Züge annimmt und die eigenen Schöpfungen plötzlich zurückblicken.
© Yard Work von Carolyn Drake, 2026, mit freundlicher Genehmigung von Carolyn Drake

Carolyn Drake hat ein neues Buch herausgebracht, und ich konnte es kaum erwarten zu sehen, was sie während des Lockdowns und darüber hinaus gemacht hat. Ich bin ein großer Fan: Men Untitled gehört zu meinen absoluten Lieblingsbüchern. Umso mehr freue ich mich, sagen zu können, dass sie meine Erwartungen sogar übertroffen hat. Diesmal veröffentlicht sie wieder im Selbstverlag und verkauft Yard Work ausschließlich über unabhängige Buchhandlungen. Was für eine Legende.

2020 fotografierte Carolyn Drake Skulpturen aus Abfällen aus der Vorstadt, Erzeugnissen aus dem Garten und allerlei Gerätschaften, wie wir sie wohl alle irgendwo im Schrank haben. Dinge, die darauf warten, uns bei der Bewältigung des Alltags zu helfen. Ursprünglich, erzählt Carolyn, war die Gartenarbeit ein Hobby, ein Ausgleich zu ihrem Leben als Fotografin. Doch als der Lockdown das Arbeitsleben der meisten Menschen auf Pause stellte, verschwammen diese Grenzen, und sie begann, in ihrem Garten zu fotografieren. Jeden Morgen. Wie ein Ritual.

Verlag

Selbstverlag, 2026

Layout

Carolyn Drake & Sybren Kuiper

Format: 234 × 308 mm

Preis

€60

Das Buch selbst ist schlicht gehalten, mit viel Liebe zum Detail. Es hat etwas von einem Scrapbook: ein weißer, rückstichgehefteter Softcoverband mit einem aufklappbaren Umschlag, der schon die kleinen Überraschungen erahnen lässt, die uns in diesem Projekt erwarten. Nach den ersten beiden Seiten stellen wir fest, dass die übrigen gefaltet sind. Klappt man sie auf, kommen Bilder von Carolyn bei der Arbeit im Garten zum Vorschein. Beim genaueren Hinsehen beginnt ein kleines „Wo ist Walter?“-Spiel: In den Skulpturen sind Überwachungskameras versteckt. Wir betrachten die Skulpturen, die Drake geschaffen hat, und dann das, was die Skulpturen gesehen haben. „Sie wurden zugleich zu Motiven und Zeugen“, sagt sie. Selten habe ich eine Ansammlung aus Müll und Salat so lange und eingehend betrachtet wie in diesem Buch.

Die Aufnahmen der Skulpturen sind an sich ziemlich geradlinig: hartes Blitzlicht, fast immer frontal und ungefähr aus derselben Höhe fotografiert. Dazwischen die Bilder von Carolyn in dieser herrlich verpixelten Überwachungskamera-Ästhetik. Eine perfekte Bildfolge. Was mich wirklich überrascht, ist, wie viele Gefühle diese Bilder bei mir auslösen. Zunächst einmal finde ich das Konzept und das Buch wie erwartet sehr komisch und erfrischend unprätentiös. Wir bekommen einen Blick hinter die wenig glamourösen Kulissen, die wir während Corona, als wir alle zu Hause festsaßen, so oder so ähnlich kennengelernt haben. Da ist sofort eine Wärme, wir fühlen uns in Carolyns Leben eingeladen. Es ist, als würde man einer Freundin ein albernes Foto von sich zeigen. Ganz automatisch entsteht eine Vertrautheit zwischen ihr und uns.

Von da an durchläuft das Buch für mich verschiedene Phasen. Am Anfang sehe ich fast einen Kampf mit dem Häuslichen: Gegenstände, die einander würgen, das grelle, schmutzige Plastik von Rohren und Schläuchen, alte Lappen und Klebeband, Messer, die in irgendeinem Wurzelknäuel stecken. Drake verwendet auch alte Plakate und Werbeanzeigen, reißt sie auseinander und steckt sie in ihre Konstruktionen. Alles ist roh, zerrissen und zusammengesteckt, die Gebilde halten gerade so zusammen, Farbe ist darübergespritzt. Das alles fühlt sich dringlich an. Eines meiner Lieblingsbilder zeigt etwas, das ich für blau angemalte Kacke halte, mit gelben Nähnadeln und dem zerrissenen, bemalten Porträt eines Mannes, der zur Seite blickt. Drake beschreibt das Fotografieren als eine Art Ritual. Für mich fühlt es sich deshalb an, als würde ich ein Lockdown-Tagebuch lesen, in dem der tägliche Kampf mit dem Zuhausebleiben sichtbar wird. Ein bisschen ist es auch, als würde man einen Tatort betrachten.

Je weiter wir im Buch vorankommen, desto stärker verändert sich die Stimmung. Die helleren, leuchtenden Farben weichen dunklen Hintergründen und dramatischerem Licht. Plötzlich hat alles für mich etwas Mythisches und Religiöses, wie Kirchenkunst oder liturgische Kunst. Auch die Gegenstände verändern sich: Nun sind es eher Gemüse, Pflanzen und natürliche Materialien aus dem Garten. Altäre aus Rüben und Zweigen, gebaute Rahmen, die den Blick auf bestimmte Bildstellen lenken, etwa auf die feinen Strukturen von Moos. Ich habe das Gefühl, durch diese Konstruktionen einer Suche nach Sinn beizuwohnen. Dem Bedürfnis nach einer Ersatzreligion, um all das Chaos dieser Zeit irgendwie zu begreifen. Ich liebe die Skulptur aus Alufolie. Vielleicht, weil sie mich an die Konstruktionen von UFO-Fans erinnert, die versuchen, außerirdisches Leben anzulocken? (Ich habe während des Lockdowns ziemlich viele Folgen von Weird Weekends noch einmal geschaut.)

Währenddessen sehen wir Carolyn immer wieder in seltsamen, wenig schmeichelhaften Posen, überwacht von ihren eigenen Schöpfungen. Das Buch endet mit einem Essay aus der Perspektive der Skulpturen. Sie beobachten Carolyn in ihrem Lockdown-Alltag, reflektieren darüber, wie merkwürdig es ist, auf Schritt und Tritt zu beobachten und selbst beobachtet zu werden, und greifen auch die politischen Ereignisse jener Zeit auf. Der Text liest sich wie ein Voiceover zum Buch. Drake hat ihren „Dämonen“, ihren Gedanken und Gefühlen aus dieser Zeit, menschliche Züge gegeben. Nun setzt sie sich direkt mit ihnen auseinander, stellt sich selbst und sammelt Beweise dafür, dass wir noch da sind, weiterarbeiten und weitermachen. In einer Zeit, in der das Beobachtetwerden stärker denn je zu unserem Leben gehört.

Okay, jetzt noch ein paar Empfehlungen. Schaut euch bitte, bitte Carolyns Buch Men Untitled an, wenn ihr die Gelegenheit habt. Es ist wirklich außergewöhnlich. Und um noch etwas nischiger zu werden: Ich mag es sehr, wenn Fotograf*innen dem Häuslichen menschliche Züge verleihen. Großartige Beispiele dafür sind die Serie Kitchen Frenzy von Anna und Bernhard Blume und das wunderbar schräge, von Wolfgang Vollmer herausgegebene Buch Henry Rox Revue. Fotografie 1935–1955.

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