Rückblick auf die 57. Rencontres d’Arles

Die 57. Rencontres d’Arles läuft noch bis zum 4. Oktober 2026. Kate Schulze präsentiert ihre persönlichen Highlights aus dem Hauptprogramm, von LUMA und OFF Arles.

Die 57. Ausgabe der Rencontres d’Arles richtete den Blick in diesem Jahr auf Projekte aus und über Afrika und den Mittelmeerraum. Über fünf Tage zogen wir durch die historischen Veranstaltungsorte der Stadt, mit einem Abstecher zu den aktuellen Ausstellungen des LUMA und einem Halt am OFF-Arles-Hauptquartier in La Kabine. nicht zu vergessen atülich auch der Book Fair. Dazwischen: gutes Essen, gute Gesellschaft, Foto tarot und mehr Eis und Rosé, als man wahrscheinlch zugeben sollte. Das Wetter erwies sich als Segen, zu heiß um draußen zu verweilen, trieb es uns nach drinnen und lieferte uns trotz der großen Masse an Arbeit die Motivation uns genug Zeit für die einzelnen Arbeiten zu nehmen.

Wie immer gab es eine überwältigende Menge guter Arbeiten zu sehen, daher ist das Folgende eher eine persönliche Auswahl meiner Favoriten, dem was mit am meisten im Kopf geblieben ist, als ein vollständiger Überblick der Ausstellungen.

Gruppenausstellungen

Die stärksten Gruppenausstellungen in diesem Jahr waren für mich die, die eine Balance zwischen Humor und Wissensvermittlung fanden, ohne dabei eine Distanz zum Betrachter zu aufzubauen.

We Are Not Alone – Alien Images

Eine der stärksten Gruppenausstellungen des Festivals — besonders wenn man, wie ich, eine Schwäche für X-Files hat. Rund ein Dutzend FotografInnen und Archive sind hier versammelt, von privaten Sammlungen bis zu Institutionen wie der NASA. Die Ausstellung behandelt pseudowissenschaftliche UFO-Forschung, Amateuraufnahmen und archivierte Zeitungsausschnitte mit derselben Ernsthaftigkeit wie Fine Art Fotografie. Die Gestaltung ist zugänglich, ohne banal zu werden: große, blickfangende Fototapeten bilden die Standbeine der Austellung, aber es bleibt auch Raum für kleinere, leisere Details — Familienfotos, archivarische Kuriositäten und sogar Videoarbeiten.

Ausgangspunkt der Ausstellung ist eine Fotografie des Schweizers Billy Meier aus dem Jahr 1975, dessen mutmaßliche Beweise für außerirdischen Kontakt die Plakatgestaltung der Serie X-Files inspirierten. Von dort aus weitet sich die Ausstellung zu einem breiteren Überblick über UFO- und UAP-Bildmaterial und zeigt, wie diese unscharfen, mehrdeutigen Bilder seit dem späten 19. Jahrhundert unser Vertrauen in die fotografische Beweiskraft erschüttert haben — lange bevor sich irgendjemand über Deepfakes Sorgen machte. Anhand von Archivdokumenten, neben zeitgenössischen Kunstwerken, untersucht die Ausstellung, wie Sichtungen ihre eigene visuelle Folklore hervorbringen, in der Erfundenes und Reales fast wie beabsichtigt ineinander verschwimmen.

Animal Model: 200 Years of Photography

Eine wirklich interessante Auswahl, vom der konservativen und klassischen Fotografie bis zum zeitgenössischen Bild (es gibt sogar eine Wand voller Katzenmemes!). Was der Ausstellung gelingt, ist ihre Zugänglichkeit: Ich war mit jemandem dort, der sich sonst nicht für Kunstfotografie interessiert, und trotzdem gab es genug Zugangspunkte in der Einstellng, um sich auf sie einzulassen. Sie funktioniert als solider Einstieg in die Geschichte des Mediums und behält dabei konzeptionelles Gewicht — und schafft genau das, was sie sich vornimmt: Wissensvermittlung durch Unterhaltung.

Die Ausstellung verfolgt zwei Jahrhunderte Tierfotografie durch sieben verschiedene Perspektiven: den anatomischen, den performativen, den emotionalen, den faszinierten, den ethischen, den ästhetischen und den viralen Blick. Sie bewegt sich von Mikrofotografie des 19. Jahrhunderts bis hin zum Verspielten und Experimentellen, mischt bekannte Namen — darunter Stephen Gill, Martin Parr und Masahisa Fukase — mit anonymen Amateurbildern und schließt mit einem Blick darauf, wie Tiere heute endlos durch soziale Medien zirkulieren. Zusammenfassend zeichnen die Arbeiten nach, wie Fotografie unseren Blick auf Tiere geprägt hat und weiterhin prägt — als Begleiter, Symbole, Forschungsobjekte oder schlicht als Memes.

Was für mich gefehlt hat: Yana Wernickes Companions, erschienen bei Loose Joints, hätte hier perfekt gepasst. Definitiv einen eigenen Blick wert, wenn einen das Thema interessiert.

Das diesjährige Thema: Empire und Unabhängigkeit neu gelesen

Thato Toeba – Anyone Can Be Lucifer

Was für eine Erleichterung diesen kleinen, kühlen, dunklen Raum, mitten in Arles zu finden. Die Intimität des die dieser Raum schaffte, machte es viel leichter, sich wirklich Zeit für die Arbeiten zu nehmen. Diese Ausstellung stellt das fotografische Medium selbst infrage und arbeitet mit Fotoskulpturen und Collage statt mit nur mit klassischen Abzügen.

Toeba, geboren in Maseru, Lesotho, und in Berlin als Jurist ausgebildet, arbeitet mit kolonialzeitlichen Archiven aus dem südlichen Afrika. Er konzentriert sich dabei besonders auf die fortwirkenden Spuren des britischen Empire in Südafrika. Toeba knüpft an eine Tradition von Collage und Fotomontage an, die bis zu den Dadaisten und Surrealisten zurückreicht, die mit Schnitt- und Klebetechniken alternative Realitäten konstruierten und sich gegen herrschende Ideologien stellten. Mit persönlichen Fotografien neben Zeitungs- und Zeitschriftenfragmenten baut Toeba mehrschichtige, dreidimensionale Werke aus Spiegeln, Glas, Karton und Holz. Das Ergebnis ist fragmentiert und vielschichtig — Leerraum und Spiegelung spielen dabei ebenso eine Rolle wie die Bilder selbst, um Kompositionen zu schaffen, die genauso von Abwesenheit wie von Anwesenheit handeln.

Orianne Ciantar Olive – Circular Ruins

Am meisten beeindruckt hat mich an dieser Arbeit, wie originell der Zugang zur Fotografie von Krieg war: konzeptionell und poetisch statt klassisch dokumentarisch im üblichen Sinn, irgendwo zwischen Reportage und Spekulation angesiedelt. Begleitet wird die Arbeit von einem Fotobuch, erschienen bei Dunes Editions, das es sich lohnt, separat anzuschauen.

2019 machte sich Orianne Ciantar Olive auf, der ehemaligen Eisenbahnlinie zwischen Beirut und Damaskus nach Syrien zu folgen, überquerte die Grenze aber nie. Stattdessen wich sie nach Süden aus und verfolgte den Konflikt zurück bis zur Trennmauer bei Kfar Kila. Die Arbeit kehrt sich dabei immer weiter um: Der Libanon wird zum Anagramm, die Himmelsrichtungen werden vertauscht, und der Film selbst wird umgekehrt belichtet, sodass Licht durch das Rohmaterial hindurchdringt, statt sich auf der Emulsion abzubilden. Solarisierte Farben, falsche Namen und verdrehte Landkarten tragen diese Desorientierung durch das gesamte Werk, das spiralförmig angelegt ist und sich in sich selbst zurückwindet. Der Titel ist eine Anspielung auf Borges‘ gleichnamige Kurzgeschichte.

Neben dem Programm

At the Edge of Worlds - La Kabine

Die OFF-Arles-Route lohnt sich wirklich — einige der besten, eher klassischen fotojournalistischen Arbeiten, die ich dieses Jahr auf dem Festival gesehen habe findet man im Hauptquartier, der La Kabine. Das Programm vereint acht fotografische und dokumentarische Projekte, die Orte unter Druck beleuchten — vom schrumpfenden Kaspischen Meer über verbrannte kalifornische Landschaften bis zur Küste Gazas und heiligen Dörfern in Burkina Faso. Es ist eine Bestandsaufnahme dessen, was es bedeutet, an einem Ort zu leben, der verschwindet, brennt, austrocknet oder zum Kriegsgebiet wird . Und eine  fotografische Untersuchung dessen, wie Erinnerung und Widerstand auf diese Umstände reagieren.

Correspondences — Soundwalk Collective und Patti Smith (LUMA)

Auch LUMA verdient eine eigene Erwähnung. Correspondences ist beeindruckend, vereinnahmend, gigantisch und wirklich magisch — eine Ausstellung, die einen nicht mehr loslässt. Diese immersive Installation ist die erste große europäische Präsentation der langjährigen Zusammenarbeit von Soundwalk Collective und Patti Smith und bringt Klang, Film und Poesie zusammen, entstanden aus über einem Jahrzehnt gemeinsamer Gespräche.

Zwei neu in Auftrag gegebene Arbeiten widmen sich der Camargue. Die Ausstellung setzt Filme in einen Dialog zueinander. Klang steht hier gleichberechtigt zum bewegten und unbewegten Bild — Feldaufnahmen von Gletschern, Wüsten, Feuchtgebieten und kontaminierten Orten neben Archivmaterial in Glaskästen und Patti Smiths Stimme, die zwischen verschiedenen Registern und Rollen wechselt. Die Installation ist weniger ein einzelnes Werk als ein sich entwickelndes Archiv: Abzüge, Klangkompositionen und Filme laden die Besucher:innen ein, ihren eigenen Weg durch das Material zu finden, statt einem vorgegebenen Pfad zu folgen.

Ich schreibe diesen Recap in einem ICE, wo ich mich versuche von dem verpassten Schlaf und leichtem Sonnenbrand zu erholen, aber gleichzeitig stark einen Besuch der diesjährigen 57. Rencontres d’Arles versuche ans Herz zu legen. Sie läuf bis zum 4. Oktober 2026, mit Ausstellungen verteilt über die historischen Orte der Stadt sowie die LUMA Foundation und das OFF-Arles-Programm und ist definitiv eure Zeit wert.

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